KBV-Vorstand Dr. Andreas Gassen im Gespräch

„Wir müssen werben und klagen“

Berlin (opg) – Aktuell produziert Dr. Andreas Gassen viele Schlagzeilen – vom E-Scooter-Verbot bis hin zu Strafzahlungen für Patienten. Der „streitbare Orthopäde“, wie er unlängst betitelt wurde, zeigt sich dagegen im opg-Interview relativ zahm: Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erklärt, warum sich Spahn immer auf die KBV verlassen kann, was er an seinem langjährigen Verhandlungspartner von Stackelberg schätzt und warum die Ärzte in der Vergütung keinem Abgrund entgegentaumeln.

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Das Interview mit Dr. Gassen wurde Ende August im Hause der KBV geführt. Links im Foto Chefredakteurin Antje Hoppe und Redakteur Christoph Starke. Die Fotos erstellte pag-Fotografin Anna Fiolka.

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opg: Herr Dr. Gassen, was ist gegenwärtig die größte Herausforderung für die Vertragsärzteschaft?

Gassen: Unsere noch immer hervorragende flächendeckende Versorgung zu erhalten. Das ist nicht trivial, unter anderem weil wir eine geänderte Berufstätigkeit bei Ärzten feststellen – mehr Teilzeit, mehr Angestellte. Netto haben wir in der Versorgung weniger Stunden Arztzeit – trotz minimal steigender Ärztezahl.

opg: Nicht nur die Ärzteschaft verändert sich, auch die Bevölkerung…

Gassen: Der demografische Wandel und die Abwanderung in urbane Zentren führen zu einer Ausdünnung der Bevölkerung in den ländlichen Regionen. Für die flächendeckende Versorgung bedeutet das enorme Herausforderungen: Obgleich wir uns noch immer auf einem sehr hohen Niveau befinden, werden Wegezeiten länger, immer größere Bezirke sind abzudecken.

opg: Apropos Gesetzgebung: Jens Spahn ist nach Hermann Gröhe der zweite Minister, den Sie als KBV-Vorstand erleben. Wer setzt den Niedergelassenen mehr zu?

Gassen: Gröhe und Spahn hielten bzw halten sich sehr an die Koalitionsverträge. Ein Novum, denn früher wurde dieser zu Beginn der Amtszeit in die Schublade gelegt und nach vier Jahren gegen den nächsten ausgetauscht. Gröhe hat sicher mehr Verschnaufpausen gegönnt als Spahn. Spahn gibt ein enormes Tempo vor und setzt über den Koalitionsvertrag hinaus eigene Impulse. Das ist für uns sowie für die anderen Partner der Selbstverwaltung und im Übrigen auch für das Ministerium selbst eine Herausforderung. Der Politikstil der beiden unterscheidet sich fundamental. Spahn liebt die kontroverse Debatte und kann auch provozieren. Gröhe hat viel zurückhaltender agiert. Mit beiden Ministern hatten beziehungsweise haben wir aber eine gute und offene Diskussionskultur aufgebaut, weil uns letztlich ein gemeinsames Ziel eint, nämlich das Beste für unsere Patienten zu erreichen. Dabei kann sich Jens Spahn immer auf die KBV verlassen.

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Zur Person

Seit fünf Jahren steht Dr. Andreas Gassen an der Spitze der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Überraschende Erkenntnis beim Ortstermin zum Interview in seinem Büro: Der Mediziner hat ein Faible für Totenköpfe.

Berufspolitisch aktiv war Gassen vor seiner KBV-Zeit unter anderem als Präsident des Berufsverbands der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie. 1996 ließ er sich als Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rheumatologie in Düsseldorf nieder. Der Karateka kämpft für Niedergelassene auch als Vizepräsident des Berufsverbandes der Freien Berufe.