Prof. Martin Scherer über den telemedizinischen Anbieter Videoclinic

Telemedizin in Haftanstalten: „Behandlungsprozesse wurden akribisch entwickelt“

Erlebt die Telemedizin ihren Durchbruch hierzulande im geschlossenen System der Haftanstalten? Es sieht ganz so aus. Zumindest die technischen Voraussetzungen sind hier spitze.
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Prof. Martin Scherer © pag, Fiolka

opg: Warum braucht es telemedizinische Unterstützung im Gefängnis?

Scherer: Aktuell gibt es ein Versorgungsproblem in Justizvollzugsanstalten: es gibt nicht überall ärztliche Kollegen vor Ort. Für ausscheidende Ärztinnen und Ärzte wird es schwieriger, Nachwuchs zu finden.

opg: Seit wann läuft Ihr telemedizinisches Angebot und welche Gefängnisse nutzen es?

Scherer: Das Projekt wurde im Januar 2018 genehmigt, seit 4. Juni wird online informiert. Derzeit läuft schon eine 24-stündige Rufbereitschaft. Im Rahmen des Modellprojekts in Baden-Württemberg sind sechs Häuser involviert. Darunter sind Haftanstalten für Frauen, Jugendliche, ein Vollzugskrankenhaus und reines Männergefängnis. Dadurch können wir im Pilotprojekt umfassende Erfahrungen sammeln.

opg: Wird über einen PC plus Bildschirm und/oder über eine Smartphone-App kommuniziert? Meldet sich das Gefängnis beim Anbieter?

Scherer: Die Qualität der Videoübertragung ist mindestens genauso wichtig wie die einfache 1-Klick Handhabe für Anwender. Dementsprechend haben sowohl Ärzte als auch medizinische Räume in JVAs eine eigene Hardware (DX80) erhalten, die HD-Video ermöglicht, Screensharing, Dok-Kamera für Dokumente in HD seitenverkehrt plus einen Laptop, der über eine VPN-Leitung die datenschutzsichere Dokumentation der Patienten und Konsultationen speichert. Die JVA meldet sich per Videoanruf bei den Ärzten.

opg: Trotz dem „Ja“ zur Fernbehandlung auf dem Ärztetag muss diese Änderung noch Eingang in die Berufsordnungen der Länder finden – das braucht noch Zeit. Warum ist eine Fernbehandlung für Ihr Unternehmen bereits jetzt möglich?

Scherer: Im Sommer 2016 hatte die Landesärztekammer Baden-Württemberg – bundesweit bis heute einmalig – ihre Berufsordnung geändert, um die ausschließliche ärztliche Fernbehandlung im Rahmen von Modellprojekten zu ermöglichen. Mit der Ergänzung von § 7, Abs. 4, Satz 3 wurden bundesweit erstmalig Modellprojekte zugelassen, bei denen ärztliche Behandlungen ausschließlich über Kommunikationsnetze durchgeführt werden. Voraussetzung für derartige Erprobungen ist, dass sie evaluiert und von der hiesigen Landesärztekammer genehmigt werden. Im Rahmen von Modellprojekten, die von der Kammer genehmigt werden, darf die ausschließliche ärztliche Fernbehandlung nur zwischen Ärzten und Patienten aus dem Ländle stattfinden.

opg: Da stellt sich die Frage, wie Rezepte ausgestellt und Therapien realisiert werden. Ist die Erst-Umsetzung in einem geschlossenen System wie einem Gefängnis unter Justizaufsicht einfacher, warum?

Scherer: Die Behandlungsprozesse wurden im Vorfeld akribisch entwickelt und standardisiert. Dem Pilotprojekt kommt dabei das geschlossene System zugute, in dem Prozessveränderungen leichter umsetzbar sind als in der Regelversorgung. Details dazu dürfen wir leider nicht kommunizieren.

opg: In vielen Regionen Deutschlands gibt es laut OECD wegen des nur schleppend vorankommenden Breitbandausbaus heute noch kein schnelles Internet, eine Voraussetzung für die HD-Videoübertragung. Können sich vor diesem Hintergrund in naher Zukunft Telemedizin-Anbieter bundesweit etablieren?

Scherer: Ein professionelles deparceling und reparceling (also Paketversendungen) ist ein absolutes Muss, um mit geringen Bandbreiten und instabilen Leitungen umzugehen. Und hier gibt es tatsächlich ein großes Fehlerpotential. Deshalb hat die Videoclinic die beste Videoinfrastruktur (Cisco) aufgebaut, die es auch erlaubt bei 300k noch eine angemessene Qualität für Arzt und Patient zu gewährleisten.