Warum Einzellösungen in Gesundheitsämtern so beliebt sind

Wenn SORMAS auf Realität trifft

Berlin (opg) – Den digitalen Kampf gegen SARS-CoV-2 kämpfen die Gesundheitsämter an zwei Fronten: informationstechnisch inhouse und in Sachen Nachverfolgung, um Infektionsketten zu unterbrechen. SORMAS sollte der Heilsbringer sein, doch kann die Software leisten, was von ihr vor Ort – und nicht im politischen Berlin – erwartet wird? Der Innovationsverbund Öffentliche Gesundheit (InÖG) diskutiert das am 16. März mit Praktikern aus den Ämtern und mit Politikerinnen.

Der politische Traumzustand: Ende Februar verfügen alle knapp 400 öffentlichen Gesundheitsämter bundesweit über eine Software namens SORMAS und die Sache ist geritzt. Doch nach einem Jahr Pandemie steht die Excel-Datei noch immer hoch im Kurs, wenn es darum geht, die Kontakte von mit Corona infizierten Personen nachzuhalten. „Pandemiebewältigung durch Digitalisierung – geht uns auf halber Strecke die Luft aus?“, überschreibt der InÖG die Diskussion. Maria Klein-Schmeink (Bündnis 90/Die Grünen) bekommt von ihrer Stadtverwaltung in Münster zu hören, man wolle mit SORMAS nicht hinter den Stand zurückfallen, der vor der jetzigen IT-Lösung existiert habe. Schnell wird klar, dass die Software für einige Ämter den Sprung ins Digitale, für andere einen Rückschritt bedeutet. Die meisten hätten eine selbstgestrickte Software-Lösung auf die lokalen Gegebenheiten zugeschnitten, meint die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen. SORMAS sei nicht in der Lage gewesen, sich mit benachbarten Gesundheitsämtern auszutauschen, erfährt sie in Münster. Außerdem hätten Labore, Arztpraxen oder andere Ämter auch nicht digital gearbeitet, bringt Klein-Schmeink das Problem auf den Punkt. Dennoch: „Wir müssen weg von individuellen Lösungen und brauchen das Gemeinsame.“ Man müsse jetzt warten, bis die Software einen echten Mehrwert bringe. Die neuen Virus-Varianten brächten viel mehr Cluster mit sich und deshalb dränge die Zeit. Klein-Schmeink: „Die Politik muss das jetzt lösen.“ Niemand habe Verständnis dafür, dass auf die Zuständigkeiten Bund, Land, Kommune verwiesen würde.

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Dr. Peter Tinnemann ist im Kreis Nordfriesland für die Gesundheitsämter der dortigen Inseln verantwortlich. © Screenshot der Online-Diskussion des InÖG am 16. März

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Schnittstellenproblematik und Schulungen

Die Erfahrungsberichte aus den Kommunen zeigen, woran es fehlt. Dr. Peter Tinnemann ist im Kreis Nordfriesland mit seinen Inseln für die Gesundheitsämter verantwortlich. Im November habe man gleich die Software heruntergeladen. „Wir wollen SORMAS nutzen“, sagt er. Aber: „Wir haben nicht die IT-Expertise, um das nebenbei zu machen. Man hätte die Unterstützung mitliefern müssen. Es kann echt nicht sein, dass dies jetzt im März noch nicht funktioniert. Was für die Ebola-Krise in Westafrika gebaut wurde, muss jetzt an unsere spezifischen Anforderungen angepasst werden.“

Sepp Müller, der für die CDU im Bundestag sitzt, durfte bei einer Hospitanz in seinem Wahlkreis Dessau-Wittenberg erleben, was es heißt, wenn „die Hütte brennt“. Bei einer Inzidenz von rund 400 habe man sich auf das Löschen des Brandes konzentrieren müssen und konnte sich nicht mit Software und Schulungen beschäftigen. Mittlerweile habe sich die Inzidenz bei 80 bis 130 eingependelt und die Mitarbeiter würden auf SORMAS geschult. Probleme mit Schnittstellen existierten auch hier. „Bei uns steht die Schweinepest vor der Tür und die Vogelgrippe ist ausgebrochen. Eine Schnittstelle Veterinärmedizin ist sinnvoll.“ Müller ist sicher: Eine funktionierende Software wird zum Gamechanger in der Kontaktnachverfolgung.