EU von weltweit vernetzter Produktion abkoppeln – Wie?

De-Globalisierung unterm Brennglas

Berlin (opg) – Europa kann die medizinische Versorgung seiner Bevölkerung schon lange nicht mehr aus eigener Kraft stemmen. Die Corona-Epidemie zeigt die strukturellen Probleme in Deutschland wie unter einem Vergrößerungsglas – von den Werkverträgen in der fleischverarbeitenden Industrie bis hin zur Arzneimittelversorgung. Die Billig-Strategie der letzten Jahre hat ihren Preis. Es ist wie immer komplex und viele Akteure und Interessen sind betroffen bei einem Vorhaben wie der De-Globalisierung, dem Zurückholen der Produktion in den sicheren Heimathafen Europa. Eine Analyse der Situation.

Durch den politisch verordneten Preisdruck ist die Zahl der Lieferdefekte bei Arzneimitteln – auch für lebensnotwendige Notfallprodukte - massiv angestiegen. Deutschland ist bei der Wirkstoffproduktion von generischen Arzneimitteln abhängig von Staaten außerhalb der EU. Dabei ist die überwiegende Zahl der Notfallprodukte patentfrei. Bei den teuren, patentgeschützten Arzneimitteln ist die Lieferung aus Drittstaaten nicht hoch. Mehr als 75 Prozent der in Europa verwendeten patentgeschützten Wirkstoffe werden heute schon hier produziert. Bei diesen Arzneimitteln werden gute Preise erzielt. Lieferprobleme treten bei patentgeschützten Arzneimitteln daher selten auf. Darum steht die Behebung von Lieferengpässen auch nicht auf der Prioritätenliste des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Für seinen Präsidenten, Han Steutel, dreht sich vielmehr alles um die Forschungsförderung. China bezieht viele patentgeschützte Arzneimittel aus deutscher und europäischer Produktion; deutlich mehr als wir von China. Bei Generika und den dafür benötigten Grundstoffen hingegen ist es umgekehrt.

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Ungewöhnliche Ereignisse wie eine Pandemie erfordern ungewöhnliche Maßnahmen: Doch lässt sich die Globalisierung der medizinischen Versorgung rückabwickeln? © iStock.com, MarioGuti

Billigland im Massengeschäft

Deutschland ist in Bezug auf die gesamte Arzneimittelproduktion schon lange nicht mehr die „Apotheke der Welt“, sondern ist – mit Ausnahme der patentgeschützten Arzneimittel und der Biopharmazeutika – zu einem Billigland mutiert. Rund 80 Prozent der verordneten Tagesdosen entfallen auf Generika, nach Abzug der Rabatte für die Krankenkassen liegen die Tagestherapiekosten der generischen Arzneimittel bei 6 Cent. Die niedrigen Preise für generische Arzneimittel führen zwangsläufig zu Lieferengpässen, denn die deutschen Preisregulierungssysteme reagieren nicht auf sich verändernde Bedingungen des Weltmarkts. Das in Stein gemeißelte Festbetragssystem und die Ausschreibungsmodalitäten der Krankenkassen sind ausschließlich auf niedrige Preise ausgerichtet. Die Folge: Immer mehr Wirkstoffe werden nur noch von einem oder zwei Herstellern angeboten, das erhöht die Anfälligkeit für Defekte.

Der Weltmarkt wird hart umkämpft

Mit welch harten Bandagen auf dem Weltmarkt generell um die Arzneimittelressourcen gekämpft wird, zeigt die Corona-Krise ebenfalls unter einem Brennglas. Die USA haben fast die komplette Produktionsmenge des möglichen Covid-19-Heilmittels Remdesivir für die kommenden Monate aufgekauft. Die Replik der Bundesregierung kommt einer Bitte gleich. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagt am 2. Juli im ZDF, nachdem er Kenntnis von dem USA-Coup erhalten hat, er erwarte von dem US-Biotechunternehmen Gilead, „dass Deutschland und Europa versorgt werden, wenn es um ein solches Medikament geht."

Kurzfristige Zwischenlösung

Krankenhausapotheken müssen nach dem Willen des Bundesgesundheitsministeriums ihre Vorräte an intensivmedizinischen Arzneimitteln vergrößern. Die Krankenhäuser haben von 14 parenteralen Arzneimitteln zukünftig mindestens den Bedarf von drei Wochen vorrätig zu halten. Die Rechtsverordnung ist bis zum 31. März 2021 befristet. Schon hier zeigt sich eine große Schwäche der Maßnahme. Anfang Juli berichten Wissenschaftler über ein neues Influenzavirus, das sich in Schweinepopulationen durchgesetzt und bereits Menschen infiziert hat. Damit bestehe erhöhte Gefahr für ein neues Pandemievirus. Kommt jetzt die nächste Rechtsverordnung? Ständig neue Rechtsverordnungen lösen keine strukturellen Lieferprobleme bei Arzneimitteln.