Welche Learnings Wissenschaftler adressieren

Aus der Krise lernen

Berlin (opg) – Seit über einem Jahr hält die Corona-Pandemie die Welt in Atem. Auf Einladung der Stiftung Charité diskutieren namhafte Experten aus verschiedenen Disziplinen über Erfolge, Versäumnisse und Lehren der bisherigen Krisenbewältigung.

Anerkennung gibt es vor allem für die Forschungsleistungen rund um das Virus und die in der Folge neu entwickelten Impfstoffe. Letztere seien so etwas wie die „Speerspitze“ der „fantastischen Forschungsleistung“ des vergangenen Jahres, meint Prof. Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. Auch Prof. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité und eines der wohl bekanntesten Gesichter der Corona-Forschung, betont: „Die Wissenschaft hat geliefert.“ Und dennoch hat das Virus auch sie überrumpelt. In welcher Geschwindigkeit das Virus selbst ohne Immundruck seine Ansteckungsfähigkeit erhöht habe, sei selbst für Virologen kaum zu glauben gewesen, räumt Drosten in der Online-Diskussionsrunde ein. Mittlerweile stünden jedoch weniger Forschungsfragen als vielmehr Umsetzungsfragen im Zentrum der Pandemiebekämpfung.

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Die Krise als Motor: Ethikratvorsitzende Prof. Alena Buyx erwartet, dass die Corona-Pandemie langfristig Innovationen Vorschub leistet. © pag, Fiolka

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"Wir ersticken an Bürokratie"

Dass gerade bei der Umsetzung jede Menge Reibungsverluste entstehen, führt Medizin- und Forschungsethikerin Buyx auch auf umständliche Verfahren zurück. „Wir ersticken im Moment an verschiedenen Stellen an Bürokratie.“ Zugleich wirbt Buyx dafür, mehr Verständnis aufzubringen für die hohe Komplexität, die der politischen Entscheidungsfindung in Pandemiezeiten immanent ist. Einen gelungenen Interessenausgleich vorzunehmen, sei unter diesen Umständen eine „unlösbare Aufgabe“.

Bessere Daten braucht das Land

Doch bürokratische Umsetzungsprozesse sind nicht die einzige Schwachstelle in der Pandemiebekämpfung. Ein weiteres Manko ist die unverändert dünne Datengrundlage, auf der operiert wird – darüber besteht Einigkeit unter den Experten. „Bei vielen Maßnahmen sind wir sehr im Vagen“, sagt etwa PD Lars G. Hemkens, Wissenschaftler am Institut für klinische Epidemiologie und Biostatistik der Universität Basel. Es sei noch immer nicht bekannt, wie genau sich einzelne Maßnahmen in virologischer und auch in sozioökonomischer Hinsicht auswirkten und welche gesellschaftlichen Gruppen besonders betroffen seien. „Wir bräuchten präzisere Informationen“, fordert Hemkens. „Vielleicht könnten wir unsere Ressourcen dann besser nutzen.“

Besser präparieren für Pandemie

Neben weniger Bürokratie und einer besseren Datengrundlage seien in Erwartung kommender Pandemien aber noch weitere Vorkehrungen zu treffen, fordert Buyx. Im Sinne einer „besseren Preparedness“ brauche es beispielsweise eine Reserve aus Menschen für einen Krisenstab, der kurzfristig eingesetzt werden könnte. Sie setzt darauf, dass die Corona-Krise auf längere Sicht einen „Innovations- und Verbesserungsschub“ auslöst. Kurzfristig sei aber erst mal ein „Heilungsprozess“ zu erwarten.